Neues aus der Partizipation – die TV-Duell-Edition

'Television' by dailyinvention/flickr (Creative Commons)

Gute Neuigkeiten für alle Beteiligungszweifler in diesen Tagen: Was Deutschland in die Welt sendet, war am späten Sonntagabend keine Geschichte von Politikverdruss und Nichtwählertum, sondern vielmehr das Hashtag #TVDuell. Das schaffte es am Abend des diesjährigen Wahlkampf-Fernsehduells bei Twitter zum weltweiten Topthema. Mit rund 2,000 Twitter-Kommentaren pro Minute schien von den politisch apathischen Deutschen zumindest in der digitalen Welt nicht viel übrig. Und auch der reinen Quote nach: Rund 17,6 Millionen Menschen schauten sich in diesem Wahljahr das einzige Aufeinandertreffen der beiden Spitzenkandidaten Merkel und Steinbrück im Fernsehen an, davon mit 18% auch die stark umworbene Zielgruppe der jüngeren Wahlberechtigten. Klar - irgendeiner musste die ganzen Tweets ja während der Sendung senden…

Während so einige der Kommentare aus der Netzgemeinde überaus gewitzt waren (allen voran natürlich der fleischgewordene Halsschmuck der Kanzlerin: die Schlandkette), gab es vor den Kameras aus Kandidatenmund nicht viel Bahnbrechendes zu hören: gut auswendig gelernte Parteiphrasen, aber absolut nichts zu Zukunftsfragen wie der Finanzierung von Bildung, zur doppelten Staatsbürgerschaft oder zu den Restlaufzeiten von Kernkraftwerken. In ihrem Schlussstatement brachte Kanzlerin Merkel das Gefühl rund um diesen Wahlkampf auf den Punkt: „Sie kennen mich!“ sagte sie zur Frage, warum man sie und die CDU wählen sollte. Ausländische Journalisten verleitete diese inhaltliche Leere gar zu Schlagzeilen wie

    • Hürriyet: Ach, war das langweilig!
    • The Times: Zwischen Steinbrück und Merkel war das viel zu ruhig, fast langweilig
    • La Republicca: Deutschland gleicht einer alten Luxus-Limousine
    • The Economist: Alles beim Alten - Mutti weist den Kleinen auf seinen Platz zurück

 Weil es inhaltlich wenig zu berichten gab, titelten so einige Tageszeitungen (u.a. die BILD, der FOCUS, der Stern und die Süddeutsche) am Montag lieber, dass ProSieben-Sat1-Moderator Stefan Raab der große Gewinner des Duells sei – weil er die verständlichsten Fragen stellte. Zugegeben, Raab machte vor allem mit seiner „Was soll ich denn jetzt eigentlich wählen, Herr Steinbrück?“-Frage eine gute Figur aus der Sicht der noch unentschlossenen Bürger. Aber ob die Hoffnungen der Journalisten und Politiker aus der anschließenden Jauch-Talkrunde der ARD berechtigt sind, dass Raab mit seiner lässigen Haltung und seinem flapsigen Ton Nichtwähler aktivieren könne, bleibt doch zu bezweifeln. Schlimmer noch: Seit wann ist es die Aufgabe eines TV-Moderators, Politikerdeutsch verständlich zu machen? Als (Ex-)Politiker hat Edmund Stoiber da schon eher eine Verpflichtung zur Wahlmobilisierung, der der in diesem Wahlclip für Sat 1-ProSieben auch nachkommt.

Gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung prognostiziert das Allensbach-Institut, dass die Wahlbeteiligung bei der anstehenden Bundestagswahl zum ersten Mal unter die historische Marke von 70% sinken könnte. Schaut man auf die Massen an Hochrechnungen, scheinen die Wahlforscher diese Ziffer geradezu durch exzessives Nachfragen in die Höhe treiben zu wollen: Allein während und im Anschluss an das TV-Duell wurden im Auftrag aller vier die Sendung ausstrahlender Fernsehsender Unmengen von Menschen in repräsentativen Stichproben zu ihrem jüngsten Eindruck von den Kandidaten befragt. Dazu kommen die Befragungen der gängigen Meinungsforschungsinstitute sowie Universitätsstudien.

Über den Sinn und Wert der solcher Befragungen lässt es sich in diesen Tagen gut streiten (wie es der Deutschlandfunk in diesem schönen Beitrag tut). Jeder, der schon einmal Umfrageforschung betrieben hat – ob beim Entwerfen der Fragen, im Callcenter oder in der Analyse – kann für genug Diskussionsstoff sorgen. Denn: tiefere Einsichten in die Beweggründe des Einzelnen können allein am Telefon nicht erlangt werden und so bleiben die wahren Ursachen für die Wahlabstinenz vor allem einkommensschwacher Bevölkerungsschichten oft auf der Strecke.

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